Wo sind unsere Weisen geblieben?
27. März 2011 von Thomas Hartung
Mit Sibylle Berg habe ich eins der skurrilsten Interviews meiner publizistischen Laufbahn geführt. Die gebürtige Thüringerin (das hatten wir formal gemeinsam) war auf Lesereise mit „Sex II“ – einem Text, von dem sie selbst behauptet, dass er geeignet sei als finales Geschenk für Menschen ab 50, die man nicht wirklich schätzt. Es war ein Abend irgendwann 1997, wir saßen im alten „Cafe Büchel“ auf der Dresdner Hauptstraße, die Lesung war vorbei, die Kamera lief, der Kameramann lauschte. Die Wahlschweizerin kettenrauchte eine Sorte, die stank und deren Aussehen dem von Mini-Joints verdächtig nahe kam; und sprach uns unter anderem Sätze ins Mikrofon wie „Ich würde gern mit Rammstein die neue deutsche Nationalhymne schreiben“. Wir verstanden uns.
Ich machte eine aktuelle Rezension und für unser Kulturmagazin ein Porträt. Ich las danach immer mal wieder von ihr, als Autorin, „Zeit“-Kolumnistin und Lebenstherapeutin („Fragen Sie Frau Sibylle“) bei „Spiegel Online“. Und just heute Morgen entdecke ich dort ihren jüngsten Sozialbefund – unter jener bemerkenswerten (rhetorischen) Frage, die ich als Überschrift dieses Artikels zitiere.
Die Frage finde ich gut. Aber mit Antworten tue ich mich mindestens ebenso schwer wie Berg und auch manche anderen (über 70 Kommentare). Ist die Zeit der großen Köpfe wirklich vorbei? Sind unsere Vordenker inzwischen wirklich Fernsehmoderatoren oder Comedians oder Personen, die sich dafür halten? Brauchen wir wirklich keine Erklärung, keine Metaphysik, keine Religion mehr, weil sich unser Leben von selbst erklärt?
Sibylle Bergs primäres Argument lautet verkürzt: Deutschland ist satt, mit keinem Drang nach mehr. Wir hätten genug zu tun mit dem Betrachten von Castingshows, dem Updaten von Facebook, dem downloaden von Filmen und dem shoppen, shoppen shoppen… Kann eine gier- und konsumkompensierte Orientierungslosigkeit sich selbst genügen?
Offenbar ja, denn Philosophie bedeutet „Liebe zur Weisheit“, sie untersucht Ortung und Deutung von Mensch und Welt, eben den Sinn. Darin ähnelt sie übrigens der Religion: „religare“ bedeutet Rückbesinnung auf den Urgrund, das Absolute. Die Mehrheit von uns scheint nun einfach vergessen zu haben, wie man denkt; verlernt zu haben, sich selber anzustrengen für etwas, dessen Gewinn man nicht sofort abschätzen kann. Mit zunehmend stagnierender Bildung aber werden Menschen lese- und denkfaul. Und weil sie die wenigen, die sich anstrengen, nicht mehr verstehen, werden sie ängstlich, misstrauisch und gehässig. Stagnation aber erzeugt eine Gleichgültigkeit, die einem geistigen Tod nahekommt und mit Arroganz und Ignoranz hässliche Geschwister hat.
Oder noch schlimmer: kann es sein, dass die Mehrheit von uns immer jenen falschen Propheten lauscht, jenen redegewandten Nichtssagern und lautstarken Nichtskönnern, die ihr erzählen, was sie hören will? Hören will, dass es früher besser war, um dann sehnsüchtig in die Vergangenheit zu schauen und jeden, der an diesem Weltbild rüttelt, kollektiv wegtoleriert oder stigmatisiert?
Stimmen die Befunde, müssten des Weisen Immanuel Kants Fragen heute so beantwortet werden:
- Was kann ich wissen? – was Medien behaupten
- Was soll ich tun? – das Alternativlose
- Was darf ich hoffen? – Superstar zu werden
- Was ist der Mensch? – eine Wählerstimme im Politzirkus
Kein Wunder, dass da jeder selbst potentielle Weise nur noch als einsamer Rufer in der Wüste gelten muss. Einer Wüste, deren Leere aber als konsumistische Idylle wahrgenommen werden kann. Unterwegs in ein neues Wohlstands-Biedermeier: „Vollglück in der Beschränkung“ lachte schon Jean Paul. Und Beschränkung schafft jenen Halt, der zugleich davon abhält, vor den Abgründen von Deutung zu erschrecken oder gar ohne Netz dem Urgrund entgegen zu fallen. Offenbar sind wir so.









